Pädagogische Kulturtransfers Italien-Tessin (1894-1936)

Wolfgang Sahlfeld

Die Tessiner Schule ist im Zeitraum 1880-1940 Gegenstand einer Reihe von pädagogischen Kulturtransfers aus Italien. In einer ersten Phase, bis gegen 1910, wird freilich italienischer Kultureinfluss bewusst negiert, auch unter Zuhilfenahme des ideologischen Konstruktes des «Metodo intuitivo», den man unter Bezug auf Pestalozzi und Girard definiert. Nach 1910 nimmt der Einfluss der italienischen Reformpädagogik (Montessori, aber auch der frühe Lombardo-Radice) im Rahmen eines allgemein steigenden Interesses für Italien (Verteidigung der italienischsprachigen Kultur im Tessin) stark zu. Der Faschismus stürzt indes die Tessiner Reformpädagogen in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre in ein tiefes Dilemma: Reformpädagogik wird nur akzeptiert, wenn sie mit dezidierter Abgrenzung vom faschistischen Italien einhergeht. Die immer schwieriger werdende Gratwanderung zwischen geistiger Landesverteidigung und reformpädagogischem Eifer führt so zu einer schrittweisen Abkoppelung von Italien und seiner Pädagogik, auch wenn die bedeutendsten Tessiner Intellektuellen jener Jahre alles tun, um die Kontakte nicht ganz abreissen zu lassen. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kommt der reformpädagogische Einfluss aus Italien zum Erliegen.

Schlagworte: Tessin, Geschichte des Schulsystems, pädagogische Transfers, Beziehungen zu Italien, Reformpädagogik